Nachhaltig einkaufen um 6 Euro am Tag? … der Kampf gegen Vorurteile, sowohl die eigenen als auch die fremden #armeleuteessen

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6 Euro am Tag

Nachhaltig einkaufen um 6 Euro am Tag? … der Kampf gegen Vorurteile, sowohl die eigenen als auch die fremden #armeleuteessen

Biorama hat zu einem interessanten und zum Nachdenken bringenden Selbstversuch aufgerufen. Ist es möglich, wenn man am Existenzminimum leben muss, nachhaltig oder gar biologisch einzukaufen?! Oder ist Bio nur Luxus und etwas für Besserverdiener? Unter dem Hashtag #armeleuteessen kann man alle Beiträge, welche sich seit Start dieser Aktion angesammelt haben, mitverfolgen.

Ich finde es gut und wichtig, dass dieses Thema so konkret angesprochen wird. Denn natürlich ist bei jeder Bio-Diskussion eines der Haupt-(Gegen-) Argumente die finanzielle Mehrbelastung, welcher man bei nachhaltigem Lebensstil ausgesetzt ist.
Auch für mich kein fremder Gedanke, denn ich kaufe in den meisten Bereichen fast ausschließlich Bio- bzw. Fairtrade ein, schaue aber sehr wohl auch auf den Preis.

Kein Mindestsicherungs-Bezieher und trotzdem wenig Geld zur Verfügung?

Objektiv betrachtet, zähle ich wohl einkommensmäßig zur Mittelschicht in Österreich und mein Jahresbruttoeinkommen liegt ganz sicher im oberen Durchschnitt meiner Altersklasse.
Auf den ersten Blick betrachtet, sollte ich also ganz gut damit leben können. Aber, wie so oft, muss man auch hinter die Kulissen schauen. Das geht natürlich bei Menschen und ihren Lebenssituationen eher schlecht, denn keiner trägt seine persönlichen Umstände gerne in die Öffentlichkeit.
Es gibt immer wieder Rückschläge im Leben, veränderte Lebensumstände, welche sich von einem Moment auf den anderen drastisch ändern können… die Geschichten sind vielfältig und jede einzelne muss ernst genommen werden.
Auch ich habe zwischenzeitlich ein paar solcher Rückschläge einstecken müssen, seien sie privater, gesundheitlicher oder vielleicht beruflicher Natur gewesen. Wie auch immer. Man lernt damit umzugehen, sich wieder herauszuziehen, dagegen zu kämpfen, sich damit zu arrangieren. Die Lösungsansätze sind vielfältig. Manchmal geht es schnell wieder bergauf, manche Wege dauern aber schon mal etwas länger (vielleicht auch Jahre).

Was aber habe ich aus diesen Erfahrungen gelernt? Ich werde nie wieder über andere Menschen urteilen. Schon gar nicht über deren Außenbild! Denn, der Schein trügt oft.
An dieser Stelle muss ich auch immer wieder an eines meiner Lieblingszitate von Antoine de Saint-Exupéry aus dem Buch „Der kleine Prinz“ denken: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

Weshalb habe ich das überhaupt erwähnt? Hat man finanziell schlimme Zeiten durchgemacht, oder muss sie gar noch immer durchmachen, kommt oft auch noch ein ganz persönlicher Aspekt dazu, der sogar unangenehmer sein kann als die eingeengte finanzielle Lage: man wird gerade wegen dieser Lage von seiner näheren Umwelt meist ganz genau beobachtet und be- manchmal auch verurteilt. Oft leider auch im eigenen Familienkreis.
Und vielleicht wird auch gerade das, was man an Lebensmitteln einkauft, ganz genau unter die Lupe genommen. Ist doch der Punkt Lebensmittel einer der wenigen auf der Liste der monatlichen Fixkosten, bei dem man an den Schräubchen drehen kann.
Was? Der oder die kauft Bio-Eier. Das kann sich der/die doch gar nicht leisten; bei den Problemen! Stigmatisierung lässt grüßen!

Weshalb sollte man biologisch produzierte Lebensmittel kaufen?

Eines gleich vorweg: nur, weil man Bio einkauft, lebt man nicht automatisch gesünder. Und wenn man genau die gleichen Produkte einkauft, wie vor seiner Umstellung auf einen biologischen und nachhaltigen Verbrauch, gibt man auch garantiert mehr aus.
Denn natürlich sind viele Handelsmarken und Produzenten auf den Bio-Zug aufgesprungen – auch einer der vielen Kritikpunkte in jeder Bio-Diskussion, „die geben sich jetzt halt auch nur ein grünes Mäntelchen, aber es ist um keinen Deut besser“.
Ich persönlich finde grundsätzlich einmal nichts Schlechtes daran, immerhin sind die gesetzlichen Richtlinien für biologische Lebensmittel und deren Herstellung bzw. auch die Tierhaltung schon einmal besser als für konventionelle. Natürlich, es geht besser.
Aber ich, als Verbraucher, hab schon einmal ein genauso breit aufgestelltes Produktsortiment zur Verfügung wie bei den „normalen“ Sachen.
Kaufe ich jetzt aber trotzdem wie früher ein, ist vielleicht auch ein sehr großer Anteil an Fertiggerichten, Süßwaren, zuckerhaltigen Getränken, exotischen Waren usw. dabei, dann gebe ich mehr aus. Fast schon logisch.

Es gibt zwei wichtige Punkte: die Nachhaltigkeit und das Tierwohl. Ein sehr wichtiger Punkt für mich ist das Verbot von Gentechnik bei Pflanzen und Tieren. Arten welche auf den ursprünglichen Standort angepasst sind sollten bevorzugt werden. Diese besitzen dann auch von Natur aus eine höhere Widerstandsfähigkeit.
Bei Tieren wird die Verwendung von Antibiotika auf ein absolutes Minimum reduziert und auf Hormonbehandlung für Wachstumssteigerung gänzlich verzichtet. Und ganz ehrlich, wer will Spuren von diesen Dingen schon in seinen Mahlzeiten haben?!

Gerade bei dem Punkt Nachhaltigkeit denke ich zuallererst an die Pflanzen und das Saatgut. Samen aus Kreuzungen, aus dem Genlabor, sind Hybride und nicht mehr fortpflanzungsfähig. Dadurch muss der Landwirt diese jedes Jahr neu zukaufen und ist somit von den Herstellern und ihrer Preisgestaltung abhängig. Weltweit gibt es hier drei große Konzerne, Monsanto ist zum Beispiel einer der größten (den Namen habt ihr vielleicht schon gehört, er geistert immer wieder durch die Medien).
Die Sortenvielfalt, welche wir ursprünglich hatten, wird hier weltweit auf ein paar wenige Sorten reduziert. Somit geben wir die Kontrolle für unsere Zukunft sehenden Auges in die Hand von Großkonzernen, deren wichtigstes Ziel die Umsatzsteigerung ist. Na Mahlzeit!

Zum Beispiel ist über achtzig Prozent der Welt-Sojaproduktion gentechnisch verändert. Soja wird aber inzwischen weltweit als Tierfutter für Rinder, Schweine und Hühner verwendet. Das heißt, dass wann immer konventionelles Fleisch, Milch, Eier, Käse, Joghurt, usw. gekauft wird, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit genmanipuliertes Material enthalten ist.
Es gibt noch keine Langzeitstudien zu den Auswirkungen auf den Menschen durch die ständige Einnahme von gentechnisch veränderten Stoffen, ich persönlich will aber nicht das Versuchskaninchen sein.

Das Ausbringen von „Pflanzenschutzmitteln“ (was für ein eigenartiger Name für Pestizide) ist einer der nächsten Punkte. Diese haben die unangenehme Eigenschaft nicht einfach zu verschwinden. Wir nehmen diese Pestizide unweigerlich mit dem Obst und Gemüse zu uns und sie gelangen auch ins Grundwasser. Eines der „Killer-Argumente“, welche ich immer wieder höre, ist, dass bis jetzt auch noch keiner dran gestorben ist. Aber wollen wir den nächsten Generationen wirklich dieses Erbe hinterlassen? Und keinem ist wohl im letzten Jahr das große Thema des Bienen-Sterbens entgangen.
Man könnte jetzt sagen auch sagen, das geht uns nichts an. Wir können die langfristigen Auswirkungen eines immer mehr in Mitleidenschaft gezogenen Bodens (z.B. durch chemische Düngung oder Pestizide) von uns weisen, die Spuren im Grundwasser können uns auch noch nicht beunruhigen, immerhin ist ja noch keiner daran gestorben… noch nicht!

Was uns aber jetzt auch schon ganz konkret betrifft ist die Tierhaltung, oder besser gesagt die Massentierhaltung. Weshalb sollte ein Tier, das schon von Anfang an dazu bestimmt ist, auf unserem Teller zu landen, nicht dasselbe Recht auf ein artgerechtes Leben haben, wie unsere süßen, kleinen Haustiere?! Das eine schließt doch das andere nicht aus. Käfighaltung bei Hühnern, die nicht wirklich bessere Bodenhaltung (der Platz pro Huhn wird dadurch nicht mehr), nie das Tageslicht sehen zu können, Kälber in Mastboxen, Rinder, welche auf Spaltböden stehen müssen, ohne artgerechte Einstreu. Diese Liste ließe sich jetzt endlos fortsetzen. Der Spruch „Du bist was du isst“ bekommt hier eine völlig neue Bedeutung.
Natürlich, auch hier gibt es sehr viele Gegenargumente, z.B. am Schlachthof sind sie alle wieder gleich, usw.
Ich kenne diese Argumente, sogar aus meinem direkten Freundeskreis. Aber sind diese wirklich ein Grund zu sagen, dass Bio hier noch nicht gut genug ist, deshalb kann ich auch gleich wieder konventionell einkaufen? Den Kopf in den Sand zu stecken, weitermachen wie bisher, weil der Unterschied noch nicht groß genug ist, ist auch kein Weg. Dann wird sich nie etwas ändern.

Zu diesem Thema könnte man jetzt noch viel mehr schreiben und auf die einzelnen Punkte eingehen. In Wahrheit gibt es aber schon ganz viele (Fach-) Publikationen dazu, von kompetenten Fachleuten, welche sich Tag für Tag mit diesem Thema auseinandersetzen.

Die Zusammenfassung für mich ist: nicht ich habe es mir verdient biologisch und nachhaltig einzukaufen, sondern unsere Erde, die Tiere und die nachfolgenden Generationen!

Zurück zum Selbstversuch von Biorama #armeleuteessen

Aber das Alles kann man jetzt ganz leicht sagen, wenn man den passenden finanziellen Hintergrund hat, oder?
Deshalb finde ich dieses Experiment auch so sinnvoll und notwendig. Ich selbst habe mich auch schon bei meinem Wocheneinkauf, den ich sehr oft gemeinsam mit meiner Mutter mache, dabei ertappt zu sagen, dass sich das eine z.B. vierköpfige Familie nicht leisten könnte. Wir haben das schon sehr oft diskutiert, auf einen grünen Zweig sind wir dabei noch nicht gekommen.
Aber auch ich habe bis jetzt nicht wahllos viel ausgeben können, sehr oft habe ich auf manches einfach verzichtet, bevor ich meine persönlichen Grundsätze ignoriert habe – hier habe ich schon einmal darüber geschrieben.

Ich denke aber, es könnte möglich sein, unter sehr vielen Grundvoraussetzungen und auch mit dem Willen, mehr Zeit zu investieren.
Vielleicht muss ich einfach anfangen, so zu wirtschaften wie meine Oma es schon damals gemacht hat. Diese hat vier Kinder großgezogen, mein Großvater war Alleinverdiener und sie hat sich um den ganzen Rest gekümmert. Geschenkt wurde ihnen nichts. Aber meine Großmutter hat sehr gut gewirtschaftet, trotz knappen Budgets.
Essensplanung war das um und auf, oft fleischlos, bzw. mit den „günstigeren“ Sachen wie z.B. bei Schinkenfleckerl. Hat es eine Süßspeise wie Palatschinken oder Schmarren als Hauptspeise gegeben, ging dem immer eine gute Gemüsesuppe, manchmal auch Gulaschsuppe voran. Wurde ein Risipisi mit Selchripperl oder Selchroller gekocht, wurde aus dem Kochsud noch eine Selchsuppe mit Reiseinlage und oben drauf gehacktem Petersil gemacht. Möglichkeiten gibt es genug.

Ein weiterer wichtiger Punkt wird sicher auch sein, dass man ausnahmslos saisonal und auch regional einkauft. Gemüse und Obst auf Wochenmärkten einzukaufen kann auch eine finanzielle Entlastung sein. Hier kann man genau die Mengen erwerben, die man tatsächlich braucht und muss nicht vordefinierte Verpackungseinheiten nehmen (ein weiterer positiver Punkt ist dann auch die reduzierte Menge an z.B. Plastikmüll).
Passende Wochenmärkte gibt es inzwischen zum Glück auch wieder in der Stadt und natürlich auf dem Land.

Ich werde auch sicher, nachdem es nicht immer möglich ist, nur für eine oder zwei Personen zu kochen, vorwirtschaften und mir von vielen Gerichten auch schon Portionen einfrieren, auf welche ich später wieder zurückgreifen kann – Fast Food selbstgemacht sozusagen.

Wie viel kann man mit österreichischer Mindestsicherung für Lebensmittel pro Tag aufwenden?

Die Mindestsicherung setzt sich für Erwachsene aus EUR 628,32 Grundbetrag und EUR 209,44 Wohnkostenanteil zusammen. In der Realität sind die Wohnkosten aber leider, vor allem in der Stadt, viel höher. Laut Armutskonferenz bleiben aber nach Abzug der üblichen Fixkosten für Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs rund EUR 180 monatlich über – das ist ein Tagesbudget von rund 6 Euro.
Der Standard hat dazu schon 2011 einen Selbstversuch gemacht, in dem Projekt „Soziale Hängematte“ mussten TeilnehmerInnen einen Monat lang mit der Mindestsicherung auskommen. In der Projektbeschreibung wurde auch die Zusammensetzung der Mindestsicherung genau erklärt, falls es jemanden interessiert geht es hier entlang. Die Beträge haben sich seitdem zwar leicht nach oben bewegt, die laufenden Kosten allerdings auch.

Kitchen Stories Selbstversuch #armeleuteessen oder auch „Gut & Günstig“

Wie werde ich der Frage auf den Grund gehen, ob ich mit sechs Euro pro Tag auch biologisch und/oder nachhaltig einkaufen kann?

• Ich werde die Rezepte meiner Großmutter aufgreifen und versuchen die Zutaten dafür mit dem vorgesehenen Tagesbudget einzukaufen.
• Außerdem werde ich einen Wochen-Menüplan machen und schon vorher durchkalkulieren.
• Und dann werde ich auch noch meine Einkaufsquellen vergleichen; wo bekomme ich was am günstigsten, wie viel Zeit muss ich mehr einplanen, usw.
• Alle Rezepte dazu werdet ihr ab jetzt in der Kategorie „Gut & Günstig“ finden

2 Kommentare

  1. Bin gespannt auf deine Erfahrungen!!!
    LG, sin-die-weck-weg

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